WIR MACHEN KINDER ARBEITSLOS

Kinderarbeit ist in Bangladesch selbstverständlich, obwohl die Regierung die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen unterschrieben hat. Das Land am Golf von Bengalen gehört zu den ärmsten Staaten der Welt. Jeder dritte Bewohner lebt in Armut. Mehr als 7,4 Millionen Mädchen und Jungen arbeiten, um nicht zu verhungern. Doch zumindest einige von ihnen haben nun die Chance auf ein besseres Leben.

EIN ZUHAUSE, DAS STARK MACHT

Rund vier Millionen Einwohner Dhakas, der Hauptstadt Bangladeschs, leben in Slums, zum Teil unter unmenschlichen Bedingungen. Vielen Familien bleibt gar nichts anderes übrig, als ihre Kinder arbeiten zu lassen. Rund 300.000 Kinder arbeiten in den Privathaushalten Bangladeschs, viele davon wie Sklaven. Der Bedarf an Haushaltshilfen ist groß. In Dhaka leben rund 250.000 Kinder auf der Straße. Sie müssen als Hausjungen oder –mädchen Geld verdienen oder Müll sammeln, um zu überleben. In den drei „Happy Homes“, den drei Kinderheimen der Organisation „Action for Social Development“ (ASD), haben 90 Kinder ein neues Zuhause gefunden. Die Kinder in den „Happy Homes“ werden psychologisch betreut und so gefördert, dass ihre Schulabschlüsse ein Weg aus der Armut sind. Eine Musikpädagogin singt jede Woche mit den Kindern und gibt Instrumentalunterricht – das gibt ihnen Selbstvertrauen. Tagsüber kommen noch einmal 90 Hausmädchen und -jungen, die bei ihren Eltern oder in den Haushalten wohnen, hinzu – sofern es ihre Arbeitgeber zulassen. Manche kommen nur zum Duschen oder zu einem Arzttermin. Andere kommen regelmäßig.

SALMA: Salma ist im „Happy Home“ glücklich

Mädchen Salma beim schreiben

"Solange ich denken kann, habe ich mit meiner Mutter, meinen vier Schwestern und meinem Bruder auf der Straße gelebt“, erzählt Salma. „In der Nähe der Universität hatten wir unseren Stammplatz. Nachts haben wir eine Plastikplane als Dach über uns aufgespannt. Aber in der Regenzeit hat das nicht gereicht, die Regenzeit war schlimm. Schlimm waren auch die Männer, die nachts zu meiner Mutter kamen. Als ich dann sieben Jahre alt war, hat meine Mutter mich an eine Familie verkauft. Ich sollte dort als Hausmädchen arbeiten. Ich glaube, meine Mutter hat mich vor den Männern auf der Straße schützen wollen. Aber die Familie hat mich häufig geschlagen, und ich musste alle Hausarbeiten erledigen. Außerdem musste ich die Tochter zur Schule bringen und wieder abholen. Die ist genauso alt wie ich! Aber ich durfte nicht zur Schule gehen. Das habe ich alles nicht ausgehalten. Also bin ich abgehauen, zurück zu meiner Mutter auf die Straße. Aber meine Mutter hat mich wieder zu der Familie gebracht. Und als ich dort das zweite Mal weggerannt bin, habe ich jemanden vom Happy Home Center getroffen. Das war mein Glück! Ich lebe jetzt seit vier Jahren im Happy Home und habe die sechste Klasse bald abgeschlossen. Ich kann jetzt lesen und schreiben und auch Englisch. Aber am liebsten habe ich die Fächer Mathematik und Tanz. Seit einiger Zeit habe ich auch wieder Kontakt zu meiner Mutter. Ich treffe sie einmal im Monat. Mein kleiner Bruder ist noch bei ihr, aber meine Schwestern werden vermisst. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Wenn ich älter bin und eine Arbeit gefunden habe, möchte ich meine Mutter und meinen kleinen Bruder zu mir zu holen und mit ihnen leben. Das ist mein größter Wunsch.“

SOBUJ: Endlich ein Zuhause

Hingebungsvoll versinken die Jungen in ihre Choreographie. Die Arme fest umeinander geschlungen, knien sie im Kreis auf dem Teppich und wiegen ihre Oberkörper sanft hin und her. Aus dem CD-Spieler schwappen Geigenklänge durch den Raum, eine Männerstimme singt hoffnungsfrohe Worte wie „Ich werde das wunderbare Licht finden“. Sobuj blickt ernst, fast traurig ins Leere, während er zu den vertonten Versen des bengalischen Nationaldichters Rabindranath Tagore tanzt. Hochkonzentriert hat der Elfjährige die Augenbrauen zusammengezogen, sein Mund steht offen. Die Narben in seinem Gesicht sind fast verheilt. Vor zehn Monaten lebten Sobuj und seine Mittänzer noch auf der Straße. Nachts schliefen sie auf Parkbänken, kauerten sich in den Schlagschatten von Mauern oder versteckten sich unter Büschen. Wenn ihnen der Magen knurrte, durchwühlten sie Mülltonnen oder sammelten Recycling-Material. Von dem Erlös kauften sie sich ein Stück Brot oder einen Tee. Oft ging das Geld für Klebstoff drauf, denn Schnüffeln macht high und verdrängt das Hungergefühl. Von allen Seiten bedroht, verwahrlost, vereinsamt, verängstigt schlichen die Jungs durch die Viertel der Wohlhabenden, ständig auf der Lauer vor Gefahr. Die drohte ihnen aus allen Richtungen: von älteren Straßenkindern, Jugendbanden, Polizisten, Pädophilen, Kleinkriminellen oder ganz normalen Bürgern, die schnell zuschlugen, wenn sie sich von den obdachlosen Kindern bedrängt fühlten.

BILDUNG: DER TRAUM VON EINER BESSEREN ZUKUNFT

Zusätzlich zu den Heimen fördert die Organisation ASD acht Bildungszentren für Kinder in den Slums von Dhaka. Das Bildungszentrum im Slum Bizli Mohalla im Westen Dhakas verschwindet zwischen den verschimmelten Mauern. In dem Gewimmel von Gassen und Wellblechhütten weist kein Hinweisschild zu dem fensterlosen Raum, kein Straßenname gibt ihm eine Adresse. Nur an der Tür deuten ein paar Plakate darauf hin, dass dies für die Ärmsten der Millionenstadt ein Ort der Hoffnung ist. In zwei Schichten bereiten sich hier Vorschulkinder am Vormittag auf die Aufnahmeprüfungen für die Grundschule vor. Nur wer lesen, schreiben und rechnen kann, darf in Bangladesch die staatliche Schule gehen.

Am Nachmittag bekommen diejenigen Nachhilfe, die diese Hürde bereits genommen haben. Der Andrang ist groß, denn Bildung ist für die Menschen im Slum die einzige Chance, dem Elend zu entfliehen. Die Eltern der Kinder sind meistens Analphabeten und können ihre Kinder nicht unterstützen. Aber durch den kostenlosen Unterricht in den Bildungszentren, lernen die Kinder Schreiben und Rechnen. Sie können später einen Beruf ausüben und den Slums entkommen.

SUMON: Im „Happy Home“ darf Sumon zwei Stunden lang Kind sein

Mit sieben Jahren wurde Sumon als Hausjunge nach Dhaka abgeschoben. Seitdem lebt er hier wie ein Leibeigener. „Ich schlafe auf dem nackten Küchenfußboden und bekomme nur die Reste zu essen“, murmelt er und knibbelt an seinem zerlöcherten T-Shirt herum. Dem fünfjährigen Töchterchen seiner Arbeitgeber trägt er die Tasche in die Vorschule. Zwei Stunden später steht er vor dem Schultor zum Abholen parat. Zwischendurch läuft er ins „Happy Home“, um sich zu duschen, ein wenig zu reden und etwas zu lernen. Sumon ist stolz, dass er jetzt seinen Namen schreiben kann. Er ist elf Jahre alt und schulpflichtig. Doch statt Algebra oder Bangla zu lernen, putzt und wischt er – oder unterhält das Kind der Arbeitgeber. Sein Nachmittag gehört dem Mädchen. „Wir spielen mit Puppen oder reiten“, sagt Sumon. Er ist das Pferd.

NASNIJNE: Bildung ist ein Geschenk

Nasnijne hat ihren Klassenkameradinnen und -kameraden den Rücken zugekehrt. Mit größter Sorgfalt malt die Siebenjährige einen Buchstaben nach dem anderen an die Tafel. Kerzengerade steht sie mit bloßen Füßen vor der Klasse und bewegt behutsam das Kreidestück hin und her. Das bengalische Alphabet ist lang, und die anderen zappeln schon längst hinter ihrem Rücken auf dem Fußboden herum. Nasnijne bringt aber nichts aus der Ruhe. Sie weiß, dass sie eine gute Schülerin ist, und das will sie ihrer Lehrerin zeigen. Die nickt ihr aufmunternd zu. „Gut“, sagt Sabina Yeasmin, „das machst du sehr gut, Nasnijne, weiter so.“ Dabei blickt sie streng in die Runde. Sofort kehrt Stille ein, und 25 dunkelhaarige Köpfe beugen sich im Schneidersitz über ihre Hefte. Die Vorschulkinder tun so, als ob sie etwas hineinkritzelten, aber tatsächlich schielen sie an die Tafel. Sie können es kaum abwarten, bis Nasnijne endlich fertig ist und der oder die Nächste beweisen kann, was er oder sie schon alles gelernt hat. „Wir setzen große Hoffnung in Nasnijne“, sagt ihre Mutter. Knitterige Falten durchfurchen das Gesicht einer Greisin, dabei ist Roksana Begum erst um die 40. Wann genau sie geboren wurde, weiß sie nicht. „Nach der Unabhängigkeit“, murmelt die schmächtige Frau, also nach 1971. Erschöpft sitzt sie auf einem matratzenlosen Bettgestell in ihrer Hütte, nur wenige Minuten vom Zentrum entfernt. In der Nacht quetscht sie sich mit ihrem Mann und den zehn Kindern in die winzige Höhle aus Wellblech und zerfetzten Pappen. Die Eltern rackern sich ab, aber sie werden es nie schaffen, die Familie zu ernähren. Der Vater verdient ein paar Taka als Straßenfriseur, die Mutter arbeitet als Haushaltshilfe. Beide haben nie eine Schule besucht, können weder lesen noch schreiben. Die vier älteren Kinder brachen die Schule ab, weil sie Geld verdienen mussten. Nasnijne soll durchhalten. Der persönliche Kontakt überzeugte auch Roksana Begum. „Die Lehrerin kam zu uns nach Hause und sagte, dass wir Nasnijne ins Zentrum schicken sollten“, erinnert sie sich. Elf Monate später gehört ihre Tochter zu den Besten der Vorschulklasse. „Ich möchte Ärztin werden“, sagt Nasnijne voller Selbstbewusstsein. „Ärzte sind schlau, sie wissen viel, das finde ich toll. Dafür muss ich natürlich viel tun, aber ich kann das schaffen. Den Aufnahmetest für die Schule werde ich auf jeden Fall bestehen, denn ich kann lesen, schreiben und rechnen.“ Nasnijne ist voller Hoffnung. Allein die Möglichkeit zu lernen ist für sie ein Geschenk.

SHARMIN: das „Happy Home“ ein Weg in die Zukunft

Sharmin heizt die Kochstelle an. Sie schnieft und weint. Der Rauch beißt in ihren Augen, aber sie muss das Feuer anbekommen, sonst gibt es kein Abendbrot für sie und ihren kleinen Bruder. Eine Handvoll Reis, wenige Linsen und ein paar Kräuter, für mehr reicht das Geld nicht, obwohl die Mutter rund um die Uhr arbeitet und auch Sharmin, die Elfjährige, als Haushaltshilfe tätig ist. Doch das Mädchen beklagt sich nicht. Noch vor einem Jahr musste es von morgens bis abends bei einer wohlhabenden Familie schuften, schrubbte geflieste Böden, spülte Geschirr aus Porzellan und bediente adrett gekleidete Kinder. Nur zum Schlafen und um auf den kleinen Bruder aufzupassen, kehrte es in die schäbige Wellblechhütte im Slum Nobodoy zurück. Jetzt hat Sharmin eine Chance. Die will sie ergreifen, unbedingt. „Ich will später einmal studieren“, sagt sie. Dass Sharmin davon überhaupt träumen kann, verdankt sie dem „Happy Home“. Seit März 2012 verbringt Sharmin hier jeden Nachmittag. Drei Stunden pro Tag lernt sie lesen und schreiben, rechnen und sticken, malen und tanzen. Hier hatte sie mit zehn Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben ein Schulheft in der Hand. Zwei Monate später bestand sie den staatlichen Aufnahmetest für die Grundschule und kam direkt in die vierte Klasse. Dort ist sie das einzige Kind aus einem Slum. „Am Anfang haben sie mich noch komisch angeguckt“, sagt sie. „Aber jetzt fühle ich mich sehr wohl. Ich habe viele Freunde.“ „Sharmin ist ein besonderer Fall“, erklärt Heimleiterin Asma Aktery. „Sie ist sehr intelligent und lernt schnell.“ Außerdem hat sie eine aufgeschlossene Arbeitgeberin. Sie gibt ihrem Hausmädchen frei, damit es vormittags drei Stunden zur Schule und nachmittags drei Stunden ins „Happy Home“ gehen kann.

Im März 2014 konnten die Mitarbeiter der Aktion Gospel für eine Gerechtere Welt zusammen mit Brot für die Welt nach Bangladesch fliegen um das "Happy Home" kennenzulernen. In dem ausführlichen Reisebericht (PDF) beschreiben Michaela Adam, Matthias Kleiböhmer und Jürgen Hammelehle ihre Begegnungen und Erlebnisse in Bangladesch.

Alle Aktionen von „Gospel für eine gerechtere Welt“ unterstützen dieses Spendenprojekt von Brot für die Welt. Wenn auch du dich beteiligen willst, mach mit bei:

Was kostet wie viel?

Verpflegung eines Heimkindes pro Monat                € 20

Unterrichtmaterialien pro Kind und Jahr                   € 40

Monatliches Gehalt einer Lehrerin                            € 80

Spendenkonto

Brot für die Welt

Bank für Kirche und Diakonie

IBAN: DE10100610060500500500           BIC: GENODED1KDB

Verwendungszweck:                                „Gospel – Bangladesch“ 

"Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?"

Psalm 8,5

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